Rafik Schamis grosse Stärke liegt darin, dass er Brücken baut – zwischen dem Nahen Osten und Europa, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Exil und Erinnerung. 1971 verliess er Syrien, als die Assad-Diktatur begann. Doch Damaskus, die Altstadt, die Geräusche, Gerüche und Geschichten seiner Kindheit trägt er bis heute in sich. Es prägt jedes seiner Bücher.
Was seine Texte so besonders macht: Sie erzählen vom Leben unter einer Diktatur, ohne laut zu werden. Schami klagt nicht an, er moralisiert nicht. Stattdessen zeigt er Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit mit Angst und Mut, mit Humor und Überlebenskunst. Vielleicht ist es gerade diese leise, menschliche Art, die seine Geschichten so kraftvoll macht. Man fühlt sich ihnen nah. Und plötzlich wird eine ferne Realität verständlich.
Seine Bücher sind ein Gegenentwurf zu Gewalt und Zerstörung. Immer wieder schreibt Schami gegen Krieg und männliches Machtgehabe an. Stattdessen setzt er auf Mitgefühl und auf die Kraft der Liebe. Sie ist in seinen Geschichten nie kitschig, sondern existenziell: als Trost, als Widerstandskraft, als Hoffnung.
Und dann ist da noch etwas, das ihn einzigartig macht: seine tiefe Verwurzelung in der mündlichen Erzähltradition. Schami begann mit Märchen und Fabeln, entwickelte daraus später seine grossen Romane, ganz im Geist von Tausendundeiner Nacht. Seine Texte wirken oft so, als würden Figuren selbst das Erzählen übernehmen. Geschichten in Geschichten entstehen, verschachtelt, lebendig, manchmal verspielt, manchmal subversiv.
Auch sein neuer Roman „Das Mosaik der Frauen“ folgt diesem Prinzip. Eine Art Scheherazade. Diesmal ein Mann, ein syrischer Exilant in Deutschland, erzählt an zehn aufeinanderfolgenden Tagen seine Lebensgeschichte. Es ist ein Erzählen gegen das Vergessen, gegen den Tod, vielleicht auch gegen die Sprachlosigkeit des Exils.
Im Zentrum stehen dabei Frauen. Starke Frauenfiguren tragen viele seiner Werke, und auch dieses Buch macht da keine Ausnahme. Da ist die Mutter, die ihrem Sohn Respekt lehrt. Da ist Samira, die grosse Liebe, die auf tragische Weise ums Leben kommt. Jede dieser Begegnungen ist ein Teil eines grösseren Ganzen. eines Lebens, das sich wie ein Mosaik zusammensetzt.
Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl: Dieses Buch ist mehr als nur ein weiterer Roman. Es ist eine Art Summe seines Schreibens. Schami mischt Persönliches mit Fiktion, Erinnerungen mit Gegenwart. Das Ergebnis ist ein leiser, berührender Abschied nicht vom Erzählen selbst, aber von der Bühne.

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